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Informationen zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln

Im Jahr 2019 feiern wir in Einsiedeln ein besonderes Jubiläum. Seit 1799, also seit 220 Jahren, zeigt sich das Einsiedler Gnadenbild so, wie wir es heute kennen. Als dazu passendes Wallfahrtsmotto haben wir gewählt: «Schwarz bin ich und schön». Dieses Zitat aus dem Hohelied verweist auf die Faszination der Schwarzen Madonna und öffnet uns ein Fenster auf die vielschichtige Bedeutungswelt Schwarzer Madonnen generell.

Auf dieser Webseite erfahren Sie Wissenswertes rund um das Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Einsiedeln.

Eine Frage steht am Anfang

Wenn wir Einsiedler Mönche in der Klosterkirche anzutreffen sind, werden wir regelmässig mit der immer gleichlautenden Frage konfrontiert: «Warum ist die Madonna schwarz?». Die schwarze Farbe auf dem Antlitz von Maria und Jesuskind ist ein Charakteristikum des Einsiedler Gnadenbildes und stellt dieses in eine Reihe mit anderen berühmten Schwarzen Madonnen (z.B. Loreto, Altötting, Montserrat, Rocamadour, Le Puy…). Das Wallfahrtsjahr 2019 bietet uns Mönchen die Gelegenheit, unserer Schwarzen Madonna etwas auf den Grund zu gehen. Den Anlass dazu bietet uns ein Blick in die Geschichte.

«Schwarz bin ich und schön»

1799, also vor genau 220 Jahren, wurde das Einsiedler Gnadenbild definitiv zur Schwarzen Madonna, als es nach der abenteuerlichen Flucht vor den französischen Revolutionstruppen im sicheren Vorarlberg restauriert werden musste.

Wir erinnern uns an diese für die Einsiedler Wallfahrtsgeschichte wichtige Begebenheit mit dem Wallfahrtsmotto «Schwarz bin ich und schön». Dieses Zitat aus dem Hohelied (Hld 1,5) ist untrennbar mit vielen Schwarzen Madonnen verbunden. Es bildete über Jahrhunderte eine biblische Begründung für deren ungewöhnliche Hautfarbe. Noch heute singen wir Mönche diesen Vers jedes Jahr in Latein als Vesper-Antiphon am Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln: «Nigra sum, sed formosa…».

In Einsiedeln haben wir uns beim Motto bewusst für das kleine Wort «und» entschieden. Sowohl im lateinischen Bibelvers als auch in zahlreichen deutschen Übersetzungen wird das Wort «doch» gebraucht, während das hebräische Wort «waw» nicht eindeutig ist. Der Entscheid für «und» oder «doch» ist jedoch folgenschwer. Während «und» wertneutral ist, drückt «doch» eine eher abwertende Haltung gegenüber der schwarzen Farbe aus. Gerade im Hinblick auf die problematische Bewertung unterschiedlicher Hautfarben scheint uns eine positive Bewertung mit dem Wort «und» hier äusserst sinnvoll und geboten.

Schwarze Gnadenbilder

Es ist auffällig, dass alle Schwarzen Madonnen seit alters her als Gnadenbilder verehrt werden. Dabei ist es aber nicht die schwarze Farbe, welche diese zum Gnadenbild macht, sondern sie sind schwarz, weil sie von den Gläubigen als Gnadenbilder verehrt wurden. Es gibt gerade auch von Seiten der vergleichenden Religionswissenschaft, der Esoterik, der analytischen Psychologie nach C.G. Jung und der feministischen Theologie weitere Erklärungsversuche. Diese sind teilweise durchaus bedenkenswert und beleuchten das vielschichtige Phänomen der Schwarzen Madonna von verschiedenen, für uns teilweise ungewohnten Seiten. Es ist selbstredend, dass hier Vorsicht geboten ist und keine falschen Schlüsse gezogen werden dürfen. Bei den Schwarzen Madonnen handelt es sich um katholische Kultbilder und so orientieren wir uns am Glauben und der Tradition unserer Kirche. Doch die Auseinandersetzung mit anderen Erklärungsmodellen ist gerade im Kontext der Schwarzen Madonnen wichtig und hilfreich.

Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz?

Bei uns in Einsiedeln ist die spätgotische, 117 cm hohe Lindenholzstatue aus der Mitte des 15. Jahrhunderts relativ unspektakulär zur Schwarzen Madonna geworden. Das wird aus dem Restaurationsbericht deutlich, den der Vorarlberger Maler Johann Adam Fuetscher im Herbst des Jahres 1799 geschrieben hat. Dort heisst es:

«Das Angesicht war durchaus schwarz: doch ist diese Farbe nicht dem Pinsel, sondern dem Dampfe der Lichter und Ampeln, welche seit so vielen Jahrhunderten in der H. Capell zu Einsiedeln immer brannten, zuzuschreiben: denn ich fand, und sah es augenscheinlich, dass die Fassung des Angesichtes anfänglich ganz fleischfärbig gewesen, wie es von den abgefallenen Crusten, die man noch aufbehalten, gar wohl zu erkennen ist.»

Warum musste das Gnadenbild restauriert werden? Auf seiner Flucht wurde es kurze Zeit auf der Haggenegg zwischen Alpthal und Schwyz vergraben. Das feuchte Erdreich ist der Holzstatue nicht gut bekommen. Nachdem das Gnadenbild vom Klosterschaffner Placidus Kälin, als Hausierer verkleidet, ins Dominikanerinnenkloster St. Peter bei Bludenz gebracht worden ist, wurde die schadhafte Statue sorgfältig restauriert. Nochmals Fuetscher:

«Nachdem ich von dem Angesichte alles abfällige und leicht auflösliche wegnahm, die festen Farbtheile aber, soviel möglich, ausglättete, so mahlte ich alsdann das ganze Angesicht sowohl der Mutter als des Kindes mit schwarzer, der vorigen, ähnlichen Farbe […].»

Schwarz weil Gnadenbild – nicht umgekehrt!

Es ist interessant, dass die Schwarzen Madonnen gerade dann an Popularität gewonnen haben, als die Kunst immer naturalistischer wurde. Die schwarze Farbe machte deutlich, dass die betreffende Statue der Gottesmutter kein Kunstgegenstand war, der gefallen wollte, sondern Fenster in eine transzendente Welt. Daher sind die Schwarzen Madonnen des Westens auch den Ikonen der Ostkirche ähnlich.

Darüber hinaus fällt auch immer wieder auf, dass die Gnadenbilder in der katholischen Kirche – ob Schwarze Madonna oder nicht – selten dem klassischen Schönheitsideal der Kunst entsprechen. Oft sind es Bilder und Statuen unbekannter Künstler. So schön die Madonnendarstellungen von Raffael und Michelangelo sind: keine von ihnen ist zum Gnadenbild geworden. Die Verehrung geniessen ausschliesslich die einfachen Zeugnisse christlichen Kunstschaffens. Aber gerade dadurch werden diese transparent auf jene hin, die sie darstellen sollen: die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die einfache Frau aus Nazareth, die von Gott zur Mutter seines menschgewordenen Sohnes erwählt wurde, hat offenbar eine Vorliebe für das Einfache, Schlichte und Diskrete.

Die schwarze Farbe im Antlitz sollte dies offenbar unterstützen. In diese Richtung weist auch der bei den verehrten Gnadenbildern früher obligate, heute aber immer noch weit verbreitete «Behang». Mit den starren, verhüllenden Textilien rückte der künstlerische Reiz zusätzlich in den Hintergrund.

Vorbilder für das Einsiedler Gnadenbild

Von den Vorgängerinnen des aktuellen spätgotischen Gnadenbildes von Einsiedeln wissen wir so gut wie nichts. Bestimmt befand sich schon früh in der «Kapelle der Einsiedler» ein Bildnis der Gottesmutter Maria. Erst recht nach dem Patroziniumswechsel von der Erlöser- zur Marienkapelle im 12./13. Jahrhundert drängte sich ein solches regelrecht auf. Wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um eine romanische sitzende Madonna mit Kind handelte, analog zur romanischen Marienfigur, die sich heute in Einsiedler Privatbesitz befindet. Das Konventsiegel aus dem 13. Jahrhundert zeigt ebenfalls eine sitzende Madonna, doch lässt sich diese nicht zwingend mit der Statue in der Heiligen Kapelle in Verbindung bringen.

Die aktuelle Marienfigur hat indes ein deutliches Vorbild: die im 15. Jahrhundert in Süddeutschland und in der Lombardei hochverehrte «Maria im Ährenkleid». Woher diese Darstellung ursprünglich stammt, ist nicht bekannt. Doch im Mailänder Dom wurde ein solches Bildnis von den Gläubigen, insbesondere von der dort lebenden deutschen Kolonie, hochverehrt. Die Darstellung Mariens ohne Mantel kennzeichnet diese als Jungfrau, genauer als «Tempeljungfrau», wie die jugendliche Mutter Jesu im apokryphen Jakobusevangelium dargestellt wird. Der bekannte Kunsthistoriker Linus Birchler (1893 – 1967) fasst die Verbindung zwischen Einsiedler Gnadenbild und «Madonna im Ährenkleid» wie folgt zusammen: «Der unbekannte Schnitzer der Einsiedler Madonna oder sein Ratgeber wurde nach meiner Meinung unverkennbar von der Formgebung der Ährenmadonna angeregt, und der bestimmende Gedankengang war dieser: Die Ährenmadonna stellt die Tempeljungfrau dar; wenn sich die Einsiedler Madonna formal eng an die Ährenjungfrau anlehnt, aber auf dem linken, vorgeschobenen arm das Kindchen trägt, ist für die Beter sinnfällig verdeutlich Jungfrau und Mutter.» Somit fasst das Einsiedler Gnadenbild zwei marianische Glaubessätze der Kirche zusammen: die Gottesmutterschaft und ihre immerwährende Jungfräulichkeit.

Die spirituelle Botschaft der Schwarzen Madonna

Eine sehr gute Erklärung des Einsiedler Gnadenbildes und dessen spiritueller Botschaft bot Pater Martin Werlen in seiner Predigt am Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln im Jahr 2017. Er machte darauf aufmerksam, dass beim Einsiedler Gnadenbild nicht Maria, sondern Jesus Christus die Hauptfigur ist. Jesus steht im Zentrum. Pater Martin zitierte einen Vers aus dem Hohelied, dem ja auch das Wallfahrtsmotto 2019 entnommen ist: «Schaut mich nicht so an, weil ich so schwarz bin! Die Sonne hat mich verbrannt» (Hohelied 1,6). Er wies darauf hin, dass die erwähnte Sonne im Verständnis vieler Heiliger Christus selber sei: die «Sonne der Gerechtigkeit». Pater Martin schliesst daraus: «Wer nahe bei Jesus ist, der wird von ihm geprägt, verändert. Wer nahe bei Jesus ist, wird immer mehr Jesus ähnlicher. Maria war Jesus nahe wie niemand sonst. Von Anfang an war sie gebräunt von Jesus Christus.»

So kann das Einsiedler Gnadenbild eine «Schule des Glaubens» ist, denn es lehrt uns neu, Jesus ins Zentrum unseres Lebens zu stellen. Auch wir dürfen uns als von Gott angenommen und geliebt wissen – trotz unserer eigenen dunklen Seiten. Wir sind schön in den Augen Gottes.

Das Eigenfest der Schwarzen Madonna von Einsiedeln

Zum Schluss möchte ich es nicht versäumen, Sie zum Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln am 16. Juli 2019 und zu dessen «äusserer Feier» am 21. Juli 2019 ganz herzlich einzuladen. Am 16. Juli 2019 feiern wir um 11.15 Uhr Konventamt und am 21. Juli 2019 um 09.30 Uhr das festliche Pontifikalamt. Doch auch sonst sind Sie herzlich eingeladen, die Gottesdienste im Kloster – besonders auch in der Gnadenkapelle – mitzufeiern und so im Antlitz der Schwarzen Madonna den liebevollen Blick unserer himmlischen Mutter erkennen!

P. Philipp Steiner OSB, Wallfahrtspater